Dienstag, 10. Juni 2014

Militärisches Temperaturmanagement - Prävention von Hitzeschäden


Habe gestern endlich mal wieder meine übliche Runde gemacht: 12 km durch den Vorderpfälzerwald - mit dabei: Bw-Stiefel, 15 kg Marschproviant und 400 stramme Höhenmeter. Normalerweise schaffe ich das ohne zu rennen in 116 - 118 Minuten.

Dass gestern der möglicherweise heißeste Tag des Jahres bei uns  in der Region anstand, war mir bewusst. Aber,
  1. ist das Leben kein Ponyhof und 
  2. muss das Boot das abkönnen!!
Unterwegs ist mir dann allerdings doch 'anders' geworden - obwohl die Strecke bis auf die letzten 2 km überwiegend auf schattigen Waldwegen verlief. "Alter Freund!" An den Steigungen dachte ich, mir platzt gleich die Birne. Zum Trinken habe ich mich dabei schon gezwungen. 
War echt froh, als ich nach 126 Min. die 12 km abgespult hatte und mich hinter das Steuer meines klimatisierten Wagens habe fallen lassen können! 
Das Alter .......

Habe abends das Thema "Hitze" in unserer Facebook-Gruppe angesprochen und unsere diensthabende Ärztin, Oberstabsarzt Dr. Ulrike Schaal, gebeten, mal ein bisschen etwas dazu zu sagen.
Wie immer hat sich die Afghanistan-erfahrene Kameradin nicht lange bitten lassen. Die wertvollen Hinweise möchte ich hier zusammenfassen, auch um irgendwann einmal wieder darauf zurückgreifen zu können:


  • Also eine der lessons learnt aus meinem Afghanistaneinsatz war, dass Hitzeschäden oft unterschätzt werden, sowohl vom einzelnen Soldaten als auch von der Führung.
    Die Prävention von Hitzeschäden ist eine Führungsaufgabe und besteht darin, 1) genug Wasser bereit zu stellen (oftmals ein Problem in der Bundeswehr, da die Mengen grundsätzlich unterschätzt werden und zwar eher im Inland als im Einsatz), 2) für Pausen während der Arbeit zu sorgen, Arbeit ggf. in kältere Tageszeiten zu verschieben und 3) für Anzugserleichterung sowie Aufenthalt im Schatten zu sorgen.
    Die Amerikaner sind da weiter- es gibt Tabellen, mit Empfehlungen für die Wasseraufnahme sowie Arbeits- und Ruherhythmen.

  • Überlegt euch bei einem Hitzeschaden, was das Problem ist:
    Jemand der beim Gelöbnis umkippt hat eher einen Hitzestau (die Gefäße erweitern sich und Blut versackt in den Beinen), als dass derjenige einen massiven Flüssigkeitsmangel hat - das gibt die Zeit kaum her. Also hinlegen, Klamotten auf, Kühlen, zusätzlich trinken lassen.
  • Langes Stehen in der Sonne bspw. bei einem Tag der offenen Tür, kann einen Sonnenstich auslösen. Da ist vor allem wichtig, dass derjenige aus der Sonne kommt und den Kopf gekühlt bekommt.
  • Arbeiten in der Hitze: Hitzeerschöpfung- Wasserverlust ist da der Auslöser.
  • Hitzschlag: Arbeiten in sehr warmer Umgebung, ohne dass von der Körperoberfläche ausreichend verdunstet wird (war in Afghanistan in den Stellungen ein Problem- Körper schwitzt wird aber die Hitze nicht los, weil der Soldat eingepackt ist). Das ist ein Notfall -> (Not)Arzt verständigen, Klamotten runter, um jeden Preis kühlen.
  • Und dann gibt es noch Mischungen davon.
  Ein paar einfache Maßnahmen:
  • Packt euch Coolpacks in die Erste-Hilfe-Ausstattung. Am besten die, bei denen man ein Metallplättchen im Inneren knicken muss. Das bringt zwar nicht übermäßig viel, kühlt aber den Hitzegeschädigten etwas runter. Bringt man sinnigerweise da an, wo viel Blut durch muss- z.B. Leiste.
  • Lasst die Leute vor einer Belastung ordentlich trinken und sorgt dafür dass sie währenddessen viel trinken- notfalls befehlen.
  • Sorgt dafür, dass nach einer Belastung genug Wasser zur Verfügung steht. Reines Wasser hat zu wenig Eletrolyte. Bei kurzen Belastungen macht das nichts, aber ab so 4-5 Litern macht sich das bemerkbar. Wichtig für euch RSU´ler. Es gibt das Pulver über die Truppenküche in Kilo-Beuteln.
  • Hitze verbraucht sehr viele Kalorien- auch das Essen ist wichtig, auch wenn Hitze zu Appetitlosigkeit führt. 
  • Wir haben immer etwas über die Afghanen gelästert, dass die so gemächlich arbeiten - ne, ist genau das Richtige: Bei Hitze kann man eine hohe Schlagzahl nicht längere Zeit aufrechterhalten. Lieber langsamer arbeiten und viele Pausen machen und dafür durchhalten.
  • Sorgt tunlichst dafür, dass das Wasser nicht übermäßig warm wird. Bei Fahrzeugen mit Lüftungsschläuchen kann man eine Kiste mit Styropor auskleiden und einen der Schläuche darein leiten (geht mit 'nem Fuchs z.B. sehr gut)
  • Ein Handtuch im Nacken, das immer wieder mit Wasser getränkt wird, wirkt Wunder. Also immer irgendwo Wasser am Mann haben.
Ich hab ja geschrieben, dass es eine Führungsaufgabe ist- fangt damit schon in der Ausbildung an. Was ihr da nicht lehrt, klappt im Ernstfall nicht. Befehlt Trinkpausen, keine Raucherpausen. Stellt bei jeder praktischen Ausbildung an jeder Station Wasser bereit. Nutzt die Tabelle (s.o.) bei JEDER Ausbildung.  Benennt ggf. einen Hitzebeauftragten.
Macht ihr das schon in euren Ausbildung, dann klappt das auch z.B. beim Hochwassereinsatz.

 Hier noch zwei Links zum Selbststudium: 




Herzlichen Dank, Ulrike!


Noch ein Tipp eines erfahrenen Kameraden erreichte uns: Eine gut durchnässte Feldmütze bewirkt durch die Verdunstungskälte einen kühlen Kopf!



TV-Tipp Dienstag:

3SAT: 2015 - 2145:
Kongo (fiktiver Bw-Einsatz im Ostkongo)

ZDF : 0020 - 0315:
The Green Mile (Thriller mit Tom Hanks)



1 Kommentar:

  1. Schade dass die erfahrene Kameradin nicht die mindestens ein Dutzend "Hitzebefehle" erwähnt hat, die seit dem Tod der Rekruten Timborn 1963 in Nagold und Deigel 1964 in Esslingen - auf den verschiedensten Kommandoebenen - ergangen sind. Die Liste wäre kaum länger als die der seither wegen Hitze kollabierter (und zum Teil in Folge verstorbener) Soldaten.

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